Text/ Anestis Haitidis
In einem Mezedopoleio, einem traditionellen griechischen Meze-Restaurant, sowohl in Griechenland als auch im Ausland, stehen in der Regel zahlreiche Ouzo-Sorten sowie verschiedene Tsipouro-Varianten zur Auswahl. Doch was genau ist Ouzo und was unterscheidet ihn von Tsipouro? Eine Debatte zwischen diesen beiden griechischen Destillaten kann vieles erklären.
Produktion
Ouzo:
Ouzo ist ein traditionelles Anisgetränk, das ausschließlich in Griechenland und auf Zypern hergestellt wird. Er entsteht durch die Mischung von reinem Alkohol, der in kleinen Kupferbrennblasen destilliert und anschließend mit Anis und/oder Fenchelsamen aromatisiert wird. Auch andere aromatische Pflanzen wie Mastix von Chios, Koriander oder Kardamom können zur Geschmacksverfeinerung beitragen. Mindestens 20 % des Endprodukts müssen aus Destillation stammen, und der Alkoholgehalt darf nicht unter 37,5 % vol liegen. Ouzo ist das einzige bekannte Anisdestillat, das zwingend durch Destillation hergestellt wird.
Tsipouro:
Tsipouro ist ein Tresterbrand aus den Rückständen der Weinherstellung, der aus vergorenen Traubenschalen gewonnen wird. Er darf bis maximal 86 % vol destilliert werden, wird jedoch für den Verzehr auf mindestens 35 % vol herabgesetzt. Dadurch bleibt der ursprüngliche Rohstoff – die Traube – im Charakter des Endprodukts deutlich erkennbar.
Geschichte und Name
Ouzo:
Die genaue Herkunft des Ouzo als griechisches Nationalgetränk lässt sich historisch nicht eindeutig bestimmen. Regionen wie Tyrnavos, Mytilini oder auch Konstantinopel gelten als mögliche Ursprungsorte. Sicher ist jedoch, dass Ouzo seit mehreren Jahrhunderten in verschiedenen Regionen Griechenlands produziert wird.
Die gängigste Theorie zur Herkunft des Namens führt nach Tyrnavos um das Jahr 1880. Damals wurden besonders hochwertige Textilien aus der Region nach Marseille exportiert, wobei die Kisten mit dem Vermerk „uso di Massalia“ – „für den Gebrauch in Marseille“ – gekennzeichnet waren. Ein armenischer Arzt empfahl einem befreundeten Destillateur die Zugabe von Anis in sein Destillat. Das Ergebnis überzeugte beide so sehr, dass sie es scherzhaft als „uso di Massalia“ bezeichneten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus der Name „Ouzo“.
Tsipouro:
Tsipouro – auf Kreta auch als Tsikoudia bekannt – ist vergleichbar mit italienischer Grappa oder deutschem Tresterbrand und wird mindestens seit dem Mittelalter hergestellt, als sich die Technik der Kupferdestillation im Mittelmeerraum verbreitete, vermutlich über arabische Einflüsse.
Der Rohstoff sind die Rückstände der Weinproduktion, die in Griechenland je nach Region unterschiedlich bezeichnet werden. Auf dem Festland spricht man häufig von Tsipouro-Trestern, während auf Kreta der Begriff Tsikoudia oder Tsikouda verwendet wird. Der Name leitet sich somit direkt aus dem verwendeten Rohstoff ab.
Qualität und Preis
Ouzo:
Qualität und Preis von Ouzo hängen wesentlich vom Anteil des destillierten Alkohols und von der Qualität der Aromatisierung ab. Günstigere Produkte enthalten in der Regel den gesetzlich minimalen Destillationsanteil, während hochwertige Ouzos vollständig aus Destillaten bestehen können.
Auch die Destillationsmethode, die Auswahl der Kräuter sowie die Qualität des verwendeten Wassers spielen eine entscheidende Rolle. Ouzo kann trocken oder leicht süßlich ausgebaut sein – eine Frage des individuellen Geschmacks. Hochwertige Ouzos zeichnen sich meist durch eine klare, weiche Struktur trotz intensiver Aromatik aus.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Alkoholgehalt, da er auch die steuerliche Einstufung und damit den Endpreis beeinflusst.
Tsipouro:
Man unterscheidet grundsätzlich drei Arten von Tsipouro:
- Tsipouro ohne Anis
- Tsipouro mit Anis
- in Eichenfässern gereifter Tsipouro (meist ohne Anis)
Darüber hinaus kann Tsipouro einfach oder doppelt destilliert sein, was sowohl seine Qualität als auch seinen Charakter beeinflusst. Eine wesentliche Rolle spielen außerdem die verwendeten Rebsorten sowie die Herkunftsregion, die häufig auch auf dem Etikett angegeben ist.


Genussweisen
Ouzo:
Aufgrund seiner intensiven Aromatik, insbesondere durch Anis und andere Kräuter, wirkt Ouzo anregend und appetitanregend. Es ist daher kein Zufall, dass er in Griechenland traditionell vor dem Essen oder als Begleitung zu kleinen Gerichten genossen wird.
Generell ist der Genuss von Ouzo eng mit dem Essen verbunden – sei es als Aperitif mit Mezedes oder während einer Mahlzeit. Besonders gut harmoniert er mit salzigen und würzigen Speisen, mit eingelegtem Gemüse sowie mit Gerichten, die Knoblauch oder aromatische Kräuter enthalten.
Tsipouro:
Tsipouro mit Anis wird in ähnlicher Weise wie Ouzo getrunken. Tsipouro ohne Anis sowie Tsikoudia werden ebenfalls mit kleinen Speisen oder Vorspeisen serviert, wobei hier eher mildere und geschmacklich ausgewogenere Kombinationen bevorzugt werden.
In manchen Fällen wird Tsipouro auch als Digestif gereicht. Auf dem Berg Athos etwa wird Pilgern traditionell ein Glas Ouzo oder Tsipouro zusammen mit der süßen Spezialität „Loukoumi“ angeboten.
Obwohl diese Trinkkultur in Griechenland nicht überall verbreitet ist, wird Tsipouro ohne Anis häufig auch pur genossen – ähnlich wie italienische Grappa, da beide im Wesentlichen aus demselben Grundprinzip der Tresterdestillation stammen.
Der gereifte Tsipouro hingegen eignet sich besonders als Digestif oder als eigenständiger Abschluss eines Mahls, vergleichbar mit gereiften Destillaten wie Whisky oder Rum.
Ouzo oder Tsipouro?
Ouzo oder Tsipouro – ein genussvolles Dilemma, bei dem jeder selbst entscheiden kann, welches Destillat besser zum eigenen Geschmack oder zum jeweiligen Anlass passt. Sicher ist jedoch, dass beide tief in der jahrhundertealten griechischen Genusskultur verwurzelt sind und diese bis heute fortführen.

